Das Parfüm

Moin und Hallo,
schön, euch wieder dabeizuhaben.
So schnell und quirlig, wie der Vogel auf meiner Startseite, ist der Frühling ins Land gezogen. Zumindest auf dem Kalender. Temperaturmäßig ist da noch Luft nach oben. Nun denn, es gab auch schon Schnee im April, also wollen wir zufrieden sein.
Aber wenn wir so ganz ehrlich sind, hätten wir es doch gerne etwas wärmer.
Nun, mit der Ehrlichkeit ist es manchmal gar nicht so einfach, wie der folgende Beitrag zeigt.

Das Parfüm

Inge schaute sich in der Abteilung des Kaufhauses um. So viele Menschen: zu zweit, zu dritt. Teenager, Alte, Mittelalte, Männer, Kinder. Duftwaren waren wohl zu jeder Jahreszeit begehrte Geschenkartikel.
Ihr Blick fiel auf eine der Verkäuferinnen, die an ihr vorbeieilte, um den nächsten Kunden zu beraten. Eine perfekt manikürte Person, grell geschminkt mit langen, zu einem Zopf gebundenen Haaren. Ein Prototyp. Alle hatten den gleichen Haarschnitt. Sogar die Haarfarbe war identisch. Männer gab es im Verkauf wenige. Diese traten auch individueller auf. Hochmodern und fernab vom Mainstream.
Es ist kaum zu glauben, dass alle diese Personen hier Parfüm kaufen wollen, überlegte sie und trat von einem Bein auf das andere.
Ihre Gedanken wanderten zu ihrer Tochter Rosi. Auch sie hatte ein Faible für schöne Düfte. Wo blieb sie nur?
Inges Blick ging erneut suchend über die Kosmetikabteilung.
„Bitte, Sie müssen mir helfen.“ Der junge Mann neben ihr war hochgewachsen und sein ebenmäßiges Gesicht vollständig mit Schweiß überzogen. Seine Lippen zitterten etwas und sein Blick wanderte unruhig von ihr zu der Umgebung und dem fernen Ein- bzw. Ausgang.
Seine Hände hatten das Papiertaschentuch schon in kleine Fetzen gerissen, die wiederum sich auf dem Boden vermehrten.
„Bitte. Es ist ein Notfall. Mein Notfall.“ Er stieß die Luft aus und sein rotes Gesicht wechselte blitzschnell zu Kalkweiß.
„Werden Sie bedroht? Ich kann den Hausdetektiv holen oder …“ Inge kam mit ihrem Vorschlag gar nicht zum Ende, da plapperte er schon weiter.
„Nein, aber es ist wichtig.“
„Atmen.“
Inge sprach bedächtig, aber deutlich und hatte eine Hand auf seinen Arm gelegt.
„Schön weiteratmen, und dann erzählen Sie mir mal, was überhaupt los ist.“
„Meine Freundin“, begann er, „ich habe sie angeflunkert. Ich habe gesagt, ich hätte schon ein sehr schönes Parfüm für sie ausgesucht. Dabei habe ich keine Ahnung. Ich rieche nicht mal die unterschiedlichen Nuancen. Wenn jemand sagt es duftet nach Pfirsich oder nach Flieder, dann bin ich raus. Also richtige Früchte kann ich riechen, nur nicht im Parfüm. Aber das wollte ich nicht zugeben.“
Inge musste sich ein Lächeln verkneifen. Die Jugend und ihre Probleme. Ehrlich währt am längsten, aber manchmal geht es nur über Umwegen.
„Und nun?“
„Ich hoffe nun auf Ihre Hilfe.“
Der Blick des jungen Mannes hatte etwas von einem Welpen, den man bei etwas Verbotenem ertappt hatte.
Inge biss sich auf die Lippen, um nicht schallend loszulachen.
„Na dann wollen wir mal schauen, was der Markt so hergibt.“ Ein Blick in die Runde ließ ihre Hoffnung schwinden, eine Verkäuferin aufzutreiben. Also schauten beide auf die einzelnen Produkte. Lasen hier, schnupperten da, hörten zu, was andere zu berichten hatten, und einigten sich dann auf ein Produkt.
„Also, wenn deine Freundin eintrifft, kannst du ihr viel über die einzelnen Duftrichtungen berichten und deinen Favoriten vorstellen. Ich muss mich nun verabschieden. Da hinten sehe ich meine Tochter hereinkommen. Viel Glück.“
Ehe der junge Mann noch etwas sagen konnte, war Inge schnellen Schrittes davongeeilt.
„Hallo Mama, du schaust aus wie eine Katze, die die verbotene Sahne aufgeschleckt hat. Was hattest du denn mit dem jungen Mann vor?“ Rosi hielt ihre Mutter eine Armlänge entfernt und betrachtete sie einen Moment, bevor eine Umarmung folgte.
„Och, wir haben Parfüm für seine Freundin ausgesucht.“
„Mama“, Rosi konnte sich vor Lachen kaum halten, „du besitzt überhaupt keinen Geruchssinn.“
„Stimmt“, Inge fiel in das Lachen ein, „aber darum geht es nicht. Schau mal.“
Ein Stück weiter stand ein junges Pärchen. Eng umschlungen. Sie hatte einen Flakon in der Hand und er hielt verstohlen den Daumen nach oben, als sein Blick den von Inge traf.

Das war es für heute. Es bleibt mir nun, eine schöne Osterzeit zu wünschen.
Ehrlicherweise: sonnig. Macht es euch hübsch und schaut gerne beim nächsten Mal wieder vorbei.

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