Moin und Hallo
Schön, dass ihr wieder dabei seid. Heute ist schon der 1. Februar und ich finde es lausig kalt draußen. Aber ich muss auch zugeben, eine verschneite Landschaft ist schon sehr zauberhaft. Wenn ich so in unseren Garten schaue, kann ich die vielen Vögel am Futterhäuschen nur bewundern. Die lassen sich den Tag aber auch durch nichts vermiesen. Da wird das Essen sortiert und im Schnee rumgehüpft. Ich denke mir immer, die armen kalten Füße, aber scheint nicht so zu sein. Am Nachmittag kommen immer zwei Meisen und belagern unsere Mistkästen. Immer derselbe Ablauf: Schneller Anflug und rein in den Kasten. Kurze Zeit später schaut einer raus und beobachtet das Gartenkino. Sieht zum Piepen aus.
Tiere haben eh eine gute Beobachtungsgabe, aber nicht nur sie, wie die folgende Geschichte zeigt.
Ich sitze wie in jedem Jahr auf meinem Platz. Hoch oben, immer an der Spitze des Baumes. Ich war und bin die Spitze. Ich bin der Weihnachtsstern.
Hier oben über all den Ästen, Kerzen, Kugeln und was sonst noch anzuhängen geht. Das satte Grün der Bäume verschwindet regelrecht unter der Belagerung der Gegenstände.
Rote Kugeln, so groß wie dicke Äpfel im Herbst auf dem Markt. Weiße Lichter, die mit einem langen Kabel verknüpft sind. Schön anzusehen, aber kein Vergleich zu den Kerzen von früher. Cremeweiß und elegant kamen sie daher, wie die Damen in den schönen Kleidern zu Kaisers Zeiten. Hochgewachsen und edel. Duftend schmolzen sie langsam in der einen besonderen Nacht und hinterließen einen Zauber, der durch nichts Elektrisches je zu erreichen ist.
„Ach“, seufzte ich leise vor mich hin, und der Baum unter mir schüttelte sich, als hätte er zustimmend genickt. Aber nein, es war nur die Hausfrau. Sie rückte einen der Engel gerade. Als wenn Engel sich geraderücken ließen. Wenn es nach denen ginge, würden sie an meinem Platz sitzen. Einer hatte es schon bis ganz nach oben auf den höchsten Ast geschafft. Nun sitzt er da und glotzt mich vorwurfsvoll aus seinen großen Augen an. Einen regelrechten Hundeblick hat er. So ein bisschen treudoof wie ein Dackel oder wie so ein großer Blonder, ein Retriever.
Vor vielen Jahren lag hier einer unter dem Baum. Der schaute auch immer so, wie drei Tage Regenwetter. Hatte es aber faustdick hinter den Ohren. Er hat sich immer verschlagen umgeblickt wie ein Dieb in der Nacht. Geraubt hat er dann auch. Jeden Keks, den er erwischen konnte, wurde langsam mit langen Zähnen vom Ast gezogen. Sobald jemand den Raum betrat, verschleierte sich sein Blick und er schaute, als ob er kein Wässerchen trüben könnte. Es hätte noch gefehlt, dass er ein Liedchen trällerte. „Ach“, seufzte ich erneut. Schön war es doch.
Um mich abzulenken, schaue ich aus dem Fenster. Ich habe einen Logenplatz. Kein Wunder, dass der dicke Engel mit den Glupschaugen ihn am liebsten für sich hätte. Er kann nur in eine Richtung schauen. Ich aber habe den Überblick.
Draußen scheint die Sonne. Kaiserwetter. Der Himmel ist tiefblau. Eine gelungene Mischung aus Gottes Farbkasten. Man nehme das helle Blau eines jungen Morgens und das Indigo des späten Abends. Das Blau der Ozeane und ein wenig Türkis und streiche es mit viel Wasser und einem großzügigen Pinselstrich am Horizont entlang. Zwei, drei Windstöße zur Vermischung und schon haben wir ein Naturspektakel, das nur der Einzige vollbringen kann.
Geht auch nachts, wenn die Sterne blinken. Nur vor ein paar Nächten war hier die Hölle los. Kein ruhiges, warmes Blinzeln der einzelnen Sterne, sondern ein Krachen und Blitzen und Donnern. Erst dachte ich an ein Unwetter, aber nein. Ich grübelte etwas und dann kam ich drauf: Jahreswechsel. Raketen am Nachthimmel. Ein Spektakel in Blau, Grün, Rot und Gelb. Und geknallt hat es. So manches Mal hat der ganze Baum geschlackert. Okay, das war jetzt etwas übertrieben, aber zu Silvester sind die Menschen immer besonders närrisch. Schon komisch, wo doch so viel Krieg überall ist. Habe ich im Fernsehen gesehen. Wie gesagt, ich habe einen Logenplatz.
Aber nun ist es wieder ruhig. Ja, die Menschen. Schon eine besondere Spezies. Die sind immer für eine Überraschung gut? Aber was ist denn nun? Was passiert hier? Warum wackelt der Baum so heftig? Er wird schief. Nein, ich werde schief. Etwas packt mich und zerrt an einer meiner Spitzen. Reißt mich hoch. Der Raum dreht sich. Immer schneller wie ein Karussell auf dem Rummel. Ich klammere mich fest wie ein Faultier am Ast. Hilfe, ich kann mich nicht mehr halten. Ich stürze. Der Boden kommt näher.
Dunkelheit. Jetzt fällt es mir wieder ein. Meine Zeit ist vorerst abgelaufen. Ich liege wieder in meiner Kiste. Nebenan höre ich die Kugeln klappern. Es dauert immer etwas, bis sie sich wieder richtig zurechtgerückt haben. Der dicke Engel liegt mit seinen Kumpels in einer anderen Box. Das habe ich gehört. Die Hausfrau hat ihrem Mann genaue Instruktionen gegeben.
Gleich kommen wir für die nächsten Monate auf den Dachboden. So machen es die Menschen.
Ach ja, über die Menschen gäbe es noch viel zu berichten. Aber darüber reden wir ein anderes Mal.
Für heute bin ich am Ende angelangt. Ich hoffe, es hat euch gefallen und ihr schaut beim nächsten Mal wieder vorbei.
Bis dahin habt eine gute Zeit und schaut euch um, was es so zu entdecken gibt.